Die Dunkelheit besiegt das Licht

Wie schon im letzten Blogpost angekündigt, waren wir am Wochenende auf einem Mittelaltermarkt in unserer schönen Nachbargemeinde. Dieser Markt war etwas besonderes, in vielerlei Hinsicht. Zum einen fand er in und um die Mauern eines wunderschönen Schlosses statt, was an sich schon eine sehenswerte Kulisse bietet, zum anderen war die Stimmung dort sehr gut. Die Leute feierten tatsächlich mal und viele kamen verkleidet. Was aber diesen Markt von vielen anderen unterschied, war die Auswahl der Stände. Auf einigen Märkten reiht sich ein Schmuckstand an den anderen, es ist irgendwie immer das gleiche. Hier war das anders.

Die Stände waren liebevoll hergerichtet und versprühten einen ganz eigenen Charme. Ich dachte erst, nur mir käme alles so vor, als geschah es in Zeitlupe, weil ich auf relativ nüchternen Magen einen relativ großen Krug mit Granatapfelwein getrunken hatte, aber die anderen bestätigten das Gefühl. Vielleicht lag es an der Herbsttag und Nachtgleiche, an den dünnen Schleiern zwischen den Welten.

Wir hielten an einem Stand mit Fellen und Knochen, Geweihen, Hörnen und Schädeln. Ich durchsuchte einen großen Korb mit Fellen und fragte den Besitzer des Standes, ob er wüsste, von welchen Tieren die Felle stammen. Die Antwort war ja, wüßte er. Nichts weiter. Ich war erst irritiert, fragte dann aber, ob er mir auch sagt, von welchen Tieren sie stammen, oder ob ich raten soll. Kurze Zeit später war dieses Mißverständnis geklärt. Er dachte wohl, ich wollte ihn testen oder provozieren, was ihm schon des öfteren passiert sein muss.

Die Felle stammten von Nerzen. Kein Wunder, dass viele Leute Kritik übten. Er zeigte mir die vielen kleinen Nähte auf der Rückseite der Felle und erklärte mir, dass dies alles Reste sind, die nicht mehr verwendet würden und dass sie so noch jemanden erfreuen können, dem der teure, zur Schau getragene Pelz nicht wichtig ist. Wir kamen ins Gespräch und der Rest meiner Truppe gab das warten irgendwann auf und tigerte ohne mich weiter. Ich fragte den Mann, ob er oft angefeindet wird, und er erzählte mir von aufgebrachten Eltern, die ihren Kindern die Sachen aus der Hand reißen, ihn beschimpfen und 2 Stände weiter erstmal eine leckere Currywurst essen gehen, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, was sie da essen. Die armen Tiere, sagen sie…

Der Händler kauft seine Ware von Textilhändlern und Jägern. Es sind „Abfallprodukte“, oder nicht mehr wichtige Trophäen. Jäger…in den höchsten Tönen gelobt von Menschen, die keine Ahnung haben. Sie sorgen für die gesunde Population im Wald…natürlich. Ich will nicht alle über einen Kamm scheren, aber es gibt genug, die den Bestand künstlich hoch ansetzen, um möglichst oft der puren Lust am töten nachgehen zu können. Von Treibjagden wollen wir jetzt gar nicht sprechen. Der Mann an dem Stand machte diesen Eindruck nicht. Er war so wie ich an der Arbeit mit den Fellen und Knochen interessiert, weil er sie in gewisser Weise in Ehren halten wollte.

Wir sind so weit entfernt vom Tod, wie nie zuvor. Der Anblick eines Krähenschädels oder eines Geweihs ruft in uns schon ein ungutes Gefühl hervor. Wir würden kaum noch Fleisch essen, wenn wir uns mehr mit der Massentierhaltung auseinandersetzen müßten, aber wir können den Fernseher einfach ausschalten, die Zeitung einfach zuklappen und weiterhin jeden Monat unseren Mindestbeitrag an den Tierschutzverein spenden, in der Hoffnung, dass dieser eine passable Lösung findet.

Ich kaufte ihm ein Nerzfell und einen Krähenschädel ab und natürlich wurde auch ich vom Verlobten meiner Freundin gefragt, was ich jetzt damit machen würde. Ich sagte ihm, er kommt zu Hause auf das Regal und dann mal sehen…was hätte ich sonst sagen sollen 😉 Hier zu Hause angekommen, legte ich den Schädel und den Nerz, sowie die Taschenuhr, die ich noch ergattert hatte, behutsam auf den Tisch und räucherte sie mit einer Mischung aus Salbei, Wacholder und Fichtenharz. Dann ließ ich alles für eine Nacht ruhen. Am nächten Abend entzündete ich die Kerzen auf meinem Altar und stellte die neuen Bewohner den anderen vor.

Bevor ich mit ihnen Kontakt aufnehme und sie um etwas bitte, bringe ich ihren Seelen auf der anderen Seite eine ganze Weile Opfer dar. Es kann auch sein, dass die Seelen nicht bereit sind, sich mitzuteilen, dass nichts von ihnen kommt. Auch das muß ich ggf. akzeptieren. Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie schmerzhaft der Tod ist. Nicht, dass ich schon mal gestorben bin, aber ich habe geliebte Menschen und Tiere verloren. Und eines habe ich dabei lernen dürfen. Je natürlicher wir den Zyklen von Leben und Tod gegenüber stehen, desto besser können wir andere auf ihrem letzten Weg begleiten und desto tiefer ist der Frieden, den wir nach der Zeit der Trauer emfinden. Aber trauern müssen wir. Genauso, wie wir uns erinnern müssen.

Die kommende Jahreszeit ist dafür geschaffen. Wir erfreuen uns an der Fülle, der reichen Ernte. Früher glaubten die Menschen, dass die Ahnen, die Toten, die Erde fruchtbar machen. Deshalb wurden sie verehrt, um Rat gefragt und beschenkt. Das ist ein guter Grund für einen Besuch am Grab der Großeltern, und für einen Krähenschädel auf dem Altar.

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Ein Gedanke zu “Die Dunkelheit besiegt das Licht

  1. Weisst du weshalb ich jeden einzelnen deiner Blogposts so sehr mag? Weil sie anders sind und anders ist in diesem Fall gut! 😉

    In deinen Worten schwingt immer diese ganz besondere Energie mit, die einen deine Erlebnisse spüren lässt.

    Danke dafür!

    Liebe Grüsse
    Nicky

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