Samhain…

Was ist so magisch wie der Herbst? Die bunten Blätter, das goldene Licht, die ersten aufsteigenden Nebel und die berüchtigten Herbststürme, die Anfang November die letzten Farbtupfer von den Bäumen fegen. Jetzt beginnt die Zeit der Finsternis.

In alten Zeiten feierte man das keltische Totenfest Samhain. Man glaubte, die Toten steigen aus ihren Gräbern und wandeln unter den Lebenden, bis sich die ersten Frühlingsboten zeigen. Da nicht jeder Tote auch automatisch ein angenehmer Zeitgenosse war, brachte man Opfer dar, um sie zu beschwichtigen und sie von sich und seinem Heim fernzuhalten. Solche Opfergaben konnten aus Wein, Milch und Honig, Tabak und Münzen bestehen.

Zu Hause hüllte man sein Heim in Feuerschein, stellte Kerzen in die Fenster, um einerseits den eigenen, lieb gewonnen Ahnen den Weg zu leuchten und um das „fiese Gesindel“ (auch böse Elfen, Schwarzelfen) fern zu halten, denn dieses zieht die Schatten vor. Man stellte einen Extrateller mit Speisen und Getränke bereit, während man auf den Türschwellen wieder jene Opfer ablegte, die unsere Dunklen Gesellen beschwichtigen sollten.

Bevor die Amerikaner aus der irischen Sage um Jack o´Lantern das Halloweenfest machten, höhlte man keine Kürbisse, sondern Rüben aus. Dieser Brauch lebt heute wieder in den Kindergärten auf, wie ich mit Freude festgestellt habe! Die Rübengeister (siehe auch Rübezahl) sind kleine Gestalten, denen man eine Zeitlang Leben einhauchte, doch sie sind gleichzeitig ein Symbol für Vergänglichkeit, wenn sie wieder in sich zusammen fallen.

Samhain rührt an die Urängste. Seine morbide Schönheit berührt die Areale in unserem Unterbewußtsein, die uns durch ihre Kraft in einen regelrechten Sog hineinziehen können. Unsere heutigen Schwarzelfen tragen Namen wie Depressionen, Melancholie, Grippe und unerfüllte Sehnsüchte. Um aktiv mit seinem Unterbewußtsein arbeiten zu können und die schönen Seiten des Rückzugs ins eigene Heim und ins eigene Innere antreten zu können, helfen uns kleine Rituale wie das folgende.

Gestern Abend, im Zwielicht, zwischen Tag und Einbruch der Dunkelkeit, sind wir nochmal los gelaufen, um den Friedhof zu besuchen, wo meine Angehörigen begraben liegen. Wir machten einen Umweg durch das angrenzende Waldstück, um dort an einem besonderen Baum ein Opfer für die darzubringen, die nicht zum Kreis meiner direkten Ahnen gehören.

Zuvor hatte ich ein kleines Schraubglas mit Wein, Milch und Wacholderbeeren gefüllt, sowie einen einfachen Lavendel-Räucherkegel eingesteckt. Da mich eine heftige Grippe erwischt hat, mit Fieber und allem, was dazu gehört, glich der Spaziergang eher einer Pilgerfahrt im Schneckentempo, aber irgendwann kamen wir an ;)

Ich hüllte uns in einen Schutzkreis, denn um diese Jahreszeit ist das ratsam und nutzte die Kraft des Baumes als Symbol für den Weltenbaum, dessen Wurzeln sich bis tief hinab ins Reich der Toten graben, während seine Krone das Reich der Götter durchdringt. Manche arbeiten mit Gottheiten, welche die Schwellen hüten, doch für mich ist die Rune Eiwaz über die Jahre zum Schlüssel für die Tore in die anderen Welten geworden.

Ich schüttete das Glas mit den Opfergaben aus und flüsterte dazu meine Sprüche, erklärte mein Vorhaben und schloss danach wieder gut hinter mir ab ;) Wir verließen den Ort schweigend und ohne uns umzudrehen, denn es heißt, dass dir großes Unglück wiederfährt, wenn du es doch tust.

Der Weg führte weiter zum Friedhof, wo es nun schon ziemlich dämmrig geworden war. Vereinzelt leuchteten rote Grableuchten auf und wir besuchten nacheinander die Gräber meiner Leute. Die Angehörigen meines Partnes liegen zu weit weg, als dass wir sie besuchen könnten, aber er meint, er trägt sie immer im Herzen und wir schlossen sie in Gedanken mit ein. Bei meinen Opas war es mir ein Bedürfnis, sie darauf hinzuweisen, sich bitte in der Zeit ihrer Heimsuchung auf Erden halbwegs zu benehmen ;)

Am Grab meiner Oma und Urgroßeltern zündeten wir schließlich den Räuchergekel an und luden sie ein, mit uns Samhain zu feiern. Wir setzten uns auf die nächste Bank und ich mußte echt verschnaufen, weil mir der Schädel dröhnte von dieser heftigen Grippe. Die Krähen machten ordentlich tamtam in der großen Eiche und die kleinen flinken Fledermäuse sausten an uns vorbei.

Als ich nicht mehr wie eine Dampflok schnaufte, traten wir langsam den Heimweg an, vorbei an den Schatten hinter den Grabsteinen, dem knacken im Gebüsch und dem roten Schein der Kerzen. An Samhain direkt werden wir unseren Ahnentopf neu befüllen und am Abend gibt es einen Trank, der die Seele darauf vorbereitet, zu den Ahnen zu reisen.
Gruseliges Samhain euch allen…

Advertisements

Ein Gedanke zu “Samhain…

  1. Du schreibst wirklich unglaublich schön. Man lernt immer etwas neues bei deinen Beiträgen dazu zudem find ich es schön von deinen eigenen Erfahrungen zu hören. Liebste Grüße Twig

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s