Animismus und persönlicher Glaube

Irgendwann einmal stieß ich auf das Wort Animismus. Ich las seine Beschreibung auf Wikipedia und die Beschreibung von Menschen, die diese Bezeichnung für sich verwendeten. Ich wusste irgendwie, dass dies mein Weg ist und ich versuchte, wie immer, wenn ich etwas Neues finde, dieses auf Herz und Nieren, auf Brauchbarkeit im Alltag und auf Kompatibilität zu prüfen (ich weiß, Aszendent Jungfrau…).

Im Moment arbeite ich sehr viel mit der Vergangenheit, erinnere mich an Dinge aus der Kindheit und versuche, mir daraus einen Reim zu machen. Letztens telefonierte ich mit meiner Mutter und wir kamen irgendwie auf Kinder zu sprechen. Sie sagte, ich hätte früher immer meine Spielsachen zusammen gepackt, sobald sich ein fremdes Kind näherte. Ich erinnere mich daran ;) Sie fragte mich, warum ich das gemacht habe, vielleicht weil ich nicht teilen wollte? Ganz und gar nicht.

Ich habe leider oft die Erfahrung machen müssen, dass andere Kinder weniger sorgfältig mit den Dingen umgegangen sind als ich. Der wirkliche Hintergrund war aber, dass meine Spielzeuge für mich über ein Bewusstsein verfügten. Ich sage Bewusstsein und nicht Seele, denn die Frage, ob wir oder die uns umgebenden Dinge eine Seele besitzen, stellte ich mir als Kind gar nicht. Meine Stofftiere, Puppen, Autos, Gummibälle und wirklich jedes Teil konnte meines Erachtens nach Freude und Leid empfinden. Wenn es sich um meine Sachen handelte, hatte ich das Gefühl, ich bin für sie verantwortlich. Dieses Verantwortungsgefühl ging aber über meine Sachen hinaus und äußerte sich auch gegenüber „herrenlosen“ Dingen und Tieren.

Im Kindergarten sammelten die anderen Kinder im Sommer Marienkäfer und füllten Sandförmchen mit Gras, um sie darin „wohnen“ zu lassen. Ich konnte das nicht begreifen, warum beobachteten sie die Tiere nicht auf einem Busch/Blatt/etc? Sie einzusperren erschien mir grundlegend falsch, sie hatten ein Recht auf Freiheit. Ich habe die Käfer heimlich frei gelassen…solange bis man mich erwischt hat. Die anderen Kinder waren stinksauer, sie dachten, ich hätte es getan, um sie zu ärgern. Ich bekam richtig Prügel. Daraufhin wartete ich ab, bis es eines Tages regnete und schlich mich raus auf den Spielplatz. Dort grub ich unter der hölzernen Plattform eines Klettergerüsts ein Loch in den Sand, gerade groß genug, um drunter zu passen. Dort drinnen versteckte ich mich nach meinen Käfer-Rettungsaktionen vor den anderen Kindern.

Diese beiden Erinnerungen lieferten mir die Antwort auf die Frage, was genau ich persönlich mit Animismus verbinde. Beim Glaube geht es ums erleben, um unverfälschte Ehrlichkeit und nicht um angelerntes. Niemand hat mir damals gesagt, mein Stofftier lebt, es war für mich selbstverständlich, genauso selbstverständlich, wie schwächere zu schützen. Ich ahnte schon als Kind, dass mein Stofftier nicht aufstehen und zu reden anfangen wird, aber trotzdem war es mehr als ein Gebilde, befüllt mit Glaswolle oder Stoffresten. Es verhält sich so mit allem in der Natur, nur macht mir heute mein Verstand einen Strich durch die Rechnung. Ich kann nicht mehr so empfinden, wie als Kind, zumindest nicht gegenüber Dingen, die „tot“ sind. Wo es mir aber gelingt, ist draußen in der Natur. Ein gurgelnder Bach lebt und hat ein Bewusstsein, anders als meines, aber nichtsdestotrotz. Ein Baum, ein Berg, ein Kraut, alles besitzt ein Bewusstsein und mein Verstand ist nicht das einzige, über das ich verfüge, um meine Umwelt wahrzunehmen. Mit einer solchen Einstellung stellt sich die Frage nach dem Warum nicht mehr. Warum sollte man die Umwelt schützen oder warum soll ich zu anderen freundlich sein. Darum 😉

Heute als Erwachsene habe ich das Gefühl, dass man mich regelrecht umkonditioniert hat. Ich versuche, an diese frühen Erlebnisse anzuknüpfen, um zu ergründen, wer ich wirklich bin und was ich wirklich will. Es ist alles in uns, aber so tief verschüttet, dass wir die Stimme, die uns ruft, oft entweder nicht verstehen, oder schlichtweg überhören. Manchmal fällt das Wort „desillusioniert“ im Zuge von Erwachsenwerden. Man kann aber nur desillusioniert sein, wenn man vorher Opfer einer Illusion war. Ich fühle, dass meine Sicht auf die Welt keine Illusion war, sondern rein und gut. Etwas, was ich heute nur noch selten tue, aber wieder stärker in mein Leben einbauen möchte. Es ist ein Weg der Schmerzen. Wenn ich heute auch nicht mehr Angst haben muss, von einer Horde wütender Kinder verprügelt zu werden, so spart der Alltag trotzdem nicht mit kleinen und größeren Enttäuschungen. Glaube ist etwas heiliges, und je weniger Glaube wir heute haben, desto entwurzelter sind wir. Wir werden zu Existenzialisten, die mehr mit einem Zombie verbindet, als mir einem Menschen. Einem Menschen als Teil der Welt, und nicht abgespalten von der Natur. Wir sind der Teil der Welt, der in der Lage ist, sich selbst zu betrachten. Wenn wir die Welt sehen, ist es als sehe die Welt sich selbst. Es ist an der Zeit, sich das einfach klar zu machen. So vieles verliert an Gewicht, wenn man das begreift.

Abschließend kann man sagen, ich glaube an eine beseelte Welt, weil ich sie so erlebe. Das verbinde ich persönlich mit Animismus. Auch wenn mein Verstand rebelliert und fragt, was soll eine Seele sein, bleibt mein Herz dabei, bleibt alles dabei, was eben nicht pure Ratio ist.

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