Vollmond, Friedhöfe und Nekromantie

Vergangenen Freitag habe ich Schloß Moyland wieder einen Besuch abgestattet. Dieses Mal entedeckte ich, dass es nicht nur über einen Kräutergarten verfügt, sondern über zwei. Wenn man durch die Gartenanlage einmal um das Schloß herum läuft, findet man auch den zweiten 😉 Beim letzten Besuch gab es schon viel zu sehen, aber jetzt im Juli, wo alles in voller Blüte steht, ist die Menge an Kräutern schon überwältigend, denn der Garten verfügt über 16 Beete – die muss man erstmal alle umrunden! Ich war dieses Mal mit meiner Mutter dort und sie war beeindruckt von der Gestalt der Pflanzen. So vieles kennt man klein geschnitten in Speisen, aber wie sieht die Pflanze wirklich aus? Ich liebe z.B. Artischocken auf meiner Pizza – schon mal eine Artischockenpflanze in natura gesehen? Wow, einfach nur wow!

Das Giftpflanzenbeet war auch ganz toll. Der Eisenhut, die giftigste Pflanze in unserem Land, ist wunderschön. Ich konnte wieder die Finger nicht bei mir behalten und habe die Pflanze vorsichtig angefaßt, Erst kribbelte es leicht, dann folgte ein leichtes Taubheitsgefühl, wirklich nur minimal, aber schon beeindruckend. Ich weiß nicht, ob das normal ist, oder ob ich besonders intensiv darauf reagiere. Auf dem Weg vom einen in den anderen Kräutergarten kamen wir an Vogelbeerbäumen vorbei, deren Beeren feuerrot leuchteten. Meine Mutter denkt heute noch, sie seien giftig und als ich mir grinsend eine Beere in den Mund steckte, fiehl sie fast in Ohmacht 😉 Sie sind noch nicht reif…uahaaha so sauer! Aber wenn sie reif sind, kann man sie zu Marmelade verarbeiten. Nur im rohen Zustand sind sie leicht giftig, so wie auch die Holunderbeeren.

Auf dem Weg zurück sahen wir uns noch im Museumsladen um, denn dort finden sich alle möglichen Bücher rund um Kräuter und ihre Magie. Es gibt einige Titel, die ich am liebsten gleich mitgenommen hätte, doch bei genauerer Betrachtung war es dann doch nicht genau das, was ich suchte. In letzter Zeit finde ich kaum die Bücher, die ich suche und bin jedes mal enttäuscht, weil die Erwartungen nicht erfüllt werden. Nicht nur, was Bücher über Pflanzen betrifft, auch bei Büchern rund um Magie und Hexentum habe ich schon lange nichts fesselndes mehr in Händen gehalten. Es gibt wohl eine Zeit des lesens und eine Zeit des ausprobierens und im Moment ist letzteres an der Reihe. Gestern war Vollmond im Steinbock. Der Steinbock bringt uns in Verbindung zu Tradition.

Am Abend, als der Mond zum Fenster hereinsah, kochte ich Flugsalbe. Da mir das Flomen einen zu starken Eigengeruch aufweist, bin ich auf Pflanzenöl und Bienenwachs umgestiegen. Neben der Salbe habe ich noch 2 Tinkturen angesetzt, einmal Thymian und einmal Salbei. Ich habe mal Klarschiff auf meinem Kräuterregal gemacht und weiß jetzt, was ich neu besorgen muss. Manches verliert mit der Zeit sein Aroma, so war mein getrocknetes Rosmarin nicht mehr zu gebrauchen. Dann hielt der Samstag noch eine traurige Überraschung bereit, was sich später aber zu einer neuen Erfahrung entwickelte. Im tiefsten Winter hatte ich auf dem Dachoden zwei Schmetterlinge entdeckt. Ein kleiner Fuchs und ein Tagpfauenauge. Ich hielt sie für tot, las dann aber, dass Schmetterlinge manchmal nur in eine Winterstarre fallen und im Frühling wieder erwachen. Ich bastelte einen sicheren Unterschlupf für die beiden aus einem Karton mit einer Öffnung, damit sie nicht versehentlich zertreten werden. Gestern erst fiehlen mir die beiden wieder ein und ich sah nach, ob sie ausgeflogen waren. Leider waren sie noch immer unverändert im Karton und beide waren tot. Sie sehen wirklich aus, als würden sie nur schlafen, und ich möchte sie behalten. Sie haben in meinem Gefrierfach übernachtet, so dass evt. Schädlinge abgetötet wurden und sie liegen nun auf meinem Altar. Ich werde versuchen, sie als Familiare zu gewinnen, denn als Kräuterweib kann es nicht schaden, auch mit Insekten zu harmonieren und von ihnen zu lernen. Mal sehen, ob ich sie „drüben“ finde und ob sie mir helfen möchten. Falls nicht, werden sie wunschgemäß bestattet. Ich werde sie nicht für die Ewigkeit konservieren, denn alles hat seine Zeit, sein Ende und eines Tages zerfallen ihre irdischen Körper zu Staub und spätestens dann wandern ihre Seelen weiter.

Ich war vor gar nicht allzu langer Zeit auf einem uralten Friedhof gewesen, eigentlich durch Zufall, denn wir machten eine Radtour und auf einmal hatte ich das Gefühl, ich könnte auch die Straße weiter geradeaus in das schattige kleine Waldstück fahren, anstatt wie geplant nach rechts abzubiegen. Ich erinnerte mich, auf jeden Fall schon einmal dort gewesen zu sein, aber das ist sicher 20 Jahre her. Komisch nur, dass dort niemand liegt, den ich kenne. Der Friedhof ist wie ein verlassener, verwilderter Garten und dort wird nicht mehr bestattet. Manche Gräber sind überwuchert und auf den Wiesen wachsen die Pflanzen, wie es ihnen gefällt. Mein Freund war total begeistert von diesem Ort, und er fotografierte einige Pflanzen, während ich auf der Bank ein Päuschen einlegte. Ich hatte das Gefühl, unzählige Augen sind auf mich gerichtet, neugierig, ein wenig mürrisch und ich stellte mich kurz vor und versicherte, dass ich nicht stören will, nur eine Weile die majestätische Stille genießen möchte. Es war aber irgendwann zu viel, und wir ließen die Geister dort wieder in Frieden ruhen. Zu Hause angekommen, suchte ich im Internet nach Friedhöfen aus der Umgebung und fand den ältesten mitten im Zentrum meiner Stadt, mit Gräbern, die 400 Jahre alt sind! Ich dachte immer, dass es sich um einen kleinen Park handelte, und wie sollte es anders sein – meine Eltern wohnten neben diesem Friedhof, als ich geboren wurde und sie saßen im Sommer mit mir als Baby unter den schattigen alten Bäumen und dachten ebenfalls, es sei ein Park…ich denke wirklich des öfteren daran, dass ich scheinbar auf Friedhöfen groß geworden bin. Da wundert mich nichts mehr 😉

Mir wird mehr und mehr klar, warum ich in keinem Buch mehr fündig werde und warum ich so unzufrieden bin, was die Ansichten zu Magie und Hexentum anderer Leute angeht. Den eigenen Weg kann man einfach nicht in den Büchern anderer finden. Man muss ihn selbst gehen und die Bücher dienen als Anregung und helfen uns, zu erkennen, dass es eben auch andere gibt. Ich bin mir sicher, dass wir alle unsere individuellen Erfahrungen bereits in frühester Kindheit gemacht haben und später den Weg zurück mühevoll suchen müssen, wenn die Verbindung zwischendrin abgebrochen ist. Ich erinnere mich jetzt wieder an so viele Dinge, die mir passiert sind, an Dinge, die ich gesehen habe, an das, wovon ich glaubte, ich hätte es vergessen und an das, was ich vergessen wollte, weil es für ein Kind einfach zu unheimlich ist (und auch für eine Erwachsene).Ich denke, das war auch der Grund, warum ich meine Aufzeichnungen immer wieder verworfen habe – mit einem Male brach eine Mauer ein und es war wieder da! Aber jetzt werde ich auf diesem Weg weitergehen und nicht mehr umkehren, egal was andere sagen. Dieses völlig verrückte Leben, das ich jetzt lebe, ist meins und ist es immer gewesen. Mir fehlt nur noch ein bißchen mehr Mut, in die tiefen dunklen Wasser hinabzutauchen. Nur das schwimmen an der Oberfläche eines dunklen Sees macht Angst, aber man verliert sie, wenn man hinab zum Grund taucht und die Augen öffnet.

 

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3 Gedanken zu “Vollmond, Friedhöfe und Nekromantie

  1. Pingback: Der Beginn einer Reise. | Ronja mit den roten Haaren

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