Utiseti – Draussensitzen

Die Sonne stand schon tief, als wir uns auf den Weg in den Wald machten. Vorbei an Hasel- und Holundersträuchern folgten wir dem schmalen Pfad, der ins dunkle Grün des Waldes führte. Wir hielten uns rechts und duckten uns unter den Ästen der Eberesche hindurch, die ihre rot leuchtenden Beeren darbot.Noch ein paar Schritte und wir erreichten die Kreuzung unter den alten Buchen. Dort in der Mitte nahm ich meinen Runenbeutel zur Hand und rief leise die Macht der Kreuzwege an. Ich konnte fühlen, wie sich etwas hinter mir aufbaute, groß und dunkel. Dann stellte ich meine Frage und zog 3 Runen aus dem Beutel. Ich warf sie vor mir auf den Boden und alle 3 landeten mit dem Gesicht nach unten.

Das zeigt bereits, wie verzwickt die Situation ist und wie viele unbewußte Kräfte hier im Spiel sind. Nacheinander drehte ich die Runen um und deutete sie in der Reihenfolge, wie sie vor mir lagen. Der Wald war still und die Sonne war untergegangen, nur das Zwielicht lag gräulich zwischen den Stämmen der Bäume. Ich legte die Runen wieder zurück in den Beutel und mein Freund bat mich, sie auch für ihn zu deuten, was ich gern tat. Seine ergaben in Bezug auf seine Frage sofort Sinn, während ich mit meinen noch immer hadere.

Wir verließen schließlich den Wald und machten eine kleine Pause in der Nähe auf einer Bank. Dort konnten wir 2 Eichhörnchen beobachten, die sich gegenseitig jagden und von Baumkrone zu Baumkrone sprangen. Nachtkerzen hatten ihre gelben Blüten geöffnet und verströmten einen sanften Duft, während die Atemluft wie Nebel vor uns schwebte, so kühl ist es jetzt bereits abends. Bald kommt der Herbst. Der Brauch, an Weg-kreuzungen zu sitzen und zu orakeln, war schon bei unseren europäischen Vorfahren sehr beliebt. So beliebt, dass die Kirche das sog. „Draußensitzen“ irgendwann verboten hat. Die Menschen riefen Götter und Göttinnen an, besonders Hekate als Göttin der Wegkreuzungen, aber auch Teufel und Dämonen wurden gerufen, um einen Pakt zu schließen.

Ich habe immer schon eine besondere Energie an Kreuzungen gefühlt, selbst in Berlin am Alexanderplatz, wo Lärm und Menschenschlangen Tag und Nacht die Straßen beherrschen. In der Mitte der Kreuzung wird mir bewußt, was es bedeutet, die Qual der Wahl zu haben. Man steht inmitten des Nichts. Man hat das Gefühl, wenn man in eine Richtung sieht, kann jederzeit etwas unvorhergesehenes von hinten, aus der entgegengesetzten Richtung, herannahen. Die Kreuzung im Wald unter dem Blätterdach mit ihren Wegen aus dunkler Erde ist noch mal eine ganz andere Geschichte. Manches mal braucht es an einer solchen Kreuzung nicht viel, bevor sich die Seele beinahe von selbst spiralförmig nach oben hin löst und hinfortgetragen wird von Scharen wilder, alter Wesenheiten, deren Gelächter die Lüfte erfüllt. Unzählige Augen scheinen auf dich gerichtet zu sein, wenn du in der Mitte der Kreuzung stehst.

Die Mächte an den Kreuzwegen sind unberechenbar. Warum also das Risiko eingehen, an Wegkreuzungen zu sitzen? Weil in der magischen Welt nichts umsonst ist. Wenn man etwas will, muss man bereit sein, die Konsequenzen zu tragen. Die Kräfte arbeiten für dich, verhelfen deinem Zauber zum Erfolg. Aber das „wie“ ist kaum beeinflussbar. Magie kennt kein Netz und keinen doppelten Boden. Man sollte nicht zurück blicken, wenn man die Kreuzung verläßt, denn es heißt, dass dir die Wesen folgen können, wenn du es doch tust. Räuchern mit roten Rosen nach einer Anrufung ist ebenfalls eine Möglichkeit, ungehindert gehen zu können, Am besten ist es, wenn man die Schatten in sich selbst kennt. Ich hatte einen Traum, bevor ich mich das erste mal an eine Kreuzung gewagt habe. In diesem Traum wurde ich mit meinen größten Ängsten konfrontiert, von Platzangst (eingeklemmt in einem Rohr und dabei langsam erstickend), Spinnen (die plötzlich auftauchten, als ich ein Bad nahm) bis hin zu sehr persönlichen Dingen, so dass ich wußte, was mir vielleicht blüht, auf was ich vorbereitet sein muss. Ich nenne es liebevoll „Hexentraining“. Je nach Veranlagung und dem Plan, den die da oben oder die da unten für dich vorgesehen haben, kommst du um bestimmte Dinge nicht herum. Meist ergibt alles irgendwann einen Sinn.

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