Oktober Vollmond und beginnendes Samhain

Gestern war Vollmond. Schon am Vorabend habe ich ein wenig gefeiert, geräuchert und vom offenen Fenster aus zugesehen, wie die Wolken am Nachthimmel vorüberzogen, um immer wieder den Blick auf das Antlitz des geheimnisvollen Nachtwächters freizugeben. Ich habe eine Ahnenräucherung zusammengestellt, bestehend aus Rosenblüten, Wacholderbeeren, Fichtenharz und Honig. Mit dieser Räucherung bin ich gestern Abend zum Grab meiner Oma und Urgroßeltern gewandert und habe sie dort nach Einbruch der Dämmerung entzündet. Der aufsteigende Rauch verteilte sich kreisförmig um das Grab, vermischte sich mit der Feuchtigkeit der Wiese und duftete sehr angenehm. Ich hatte zuvor schon unsere Wohnung damit geräuchert, wie ich es meistens zu Vollmonden tue.

Die Vögel hatten ihre Schlafplätze auf den Bäumen eingenommen und der volle Mond stieg langsam über den Baumwipfeln auf. Während die Räucherung verglimmte, setzte ich mich auf die Bank wenige Meter entfernt und ließ den Blick zwischen den Gräberreihen hindurch wandern. Viele rote Lichter schmückten die Gräber und noch immer waren an den meisten Stellen frische Blumen erkennbar. Es war still geworden und nur ab und zu vernahm man noch ein fiepsen von Mäusen im Gebüsch oder das rascheln eines Vogels im Laub. Friedhöfe gehören für mich zu den wenigen Orten, die wir modernen Menschen noch mit Achtung besuchen. Hier findet man selten Leute, die über ihre Jobs schwatzen oder in Eile sind. Die Leute pflegen die Gedenkstätten, schmücken sie mit Blumen und Kerzen und oftmals sieht man sie einfach in tiefer Versunkenkeit dastehen und nachdenken.

Die Bank, auf der ich saß, ist ein besonderer Platz. Dort habe ich viele Dinge erfahren, viele Sorgen abreden können und die Präsenz meiner Ahnen deutlich gefühlt. Rechts und links neben der Bank ragen zwei alte Eichen empor, deren Kronen sich zu einem dichten Blätterdach zusammenfinden. Ein Tempel inmitten der Natur. Ich war mit einer bestimmten Absicht gekommen, doch letztlich war diese Bitte an die Toten nur ein kleiner Teil des Ganzen. Es ergab sich, dass meine Gedanken wanderten und ich mir, animiert durch meinen Freund, dessen Großeltern in seiner Heimatstadt beerdigt liegen, die Frage stellte, wie man sich eine eigene Gedenkstätte erschaffen kann, trotz der räumlichen Entfernung. Wir überlegten gemeinsam, spielten Gestaltungsmöglichkeiten von Altären durch und philosophierten über das Diesseits und das Jenseits. Meine Vorstellung vom Jenseits hat starke Bezüge zur Geschichte von Frau Holle und der Beschreibung des Totenreiches als eine lichte Welt, in der den Verstorbenen Aufgaben zukommen, wie z.B. das Wetter im Diesseits. Frau Holle oder auch die germanische Hel als Hüterin der Seelen, auch der Seelen ungeborener Kinder, ist die schönste Vorstellung vom Jenseits, die ich habe.

Ich vertraue, was das angeht, ganz und gar auf mein Gefühl und ich käme nicht auf die Idee, diese Vorstellung irgendwie wissenschaftlich-rational begründen zu wollen. Es ist Glaube, Gottvertrauen, etwas, das vielen Menschen heute fehlt. Frei von Angst und Einschränkung. Wir werden zu Samhain einen wundervollen Ahnenaltar schmücken, bei Nacht über den Friedhof wandern, durch den Schleier sehen und mit der Dunkelheit verschmelzen. Wir werden Fliegenpilze sammeln und von zukünftigen Ereignissen träumen, bei Kerzenschein orakeln und die Kraft der Wurzeln nutzen. Blass wie das Mondlicht ist die Haut, rot wie die Rosen ist das Blut, Schatten tanzen im Nebel, die Kerze im Fenster führt dich heim.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s