Der Schlangenpfad

Am frühen Abend musste ich mal “raus”. Ich fuhr zu einem der schönsten Plätze in der Umgebung, einem Ort, den ich guten Gewissens als “heilig” bezeichnen kann. Der Regen wurde zu einer wahren Sinnflut und zwischendurch dachte ich, ich müsse anhalten, weil ich die Straße vor mir kaum noch erkennen konnte. Als ich endlich auf dem Parkplatz angekommen war, nieselte es nur noch leicht. Ich hatte meinen Mini Schirm dabei und machte mich auf den Weg in den Wald.

Der Ort war menschenleer. Die Vögel zwitscherten trotz des Regens und zusammen mit den Tropfen, die auf das grüne Blätterdach fiehlen, klang das Zusammenspiel wie Feenmusik. Das Wasser hatte breite Rinnlase auf dem Waldboden gebildet, die aussahen wie eine Schlange. Diesem Schlangenpfad folgte ich, obwohl ich sonst einen anderen Weg gegangen wäre. Er führte mich bergauf, bergab und schließlich zu einem bizarr anmutenden, dünnen und gespaltenen Baumstamm. Daneben wuchs ein einzelner roter Fingerhut. Ich blieb stehen und ich hatte das Gefühl, nicht allein zu sein. Ich war noch nicht am Ziel, aber als ich weiterging, war es ein Gefühl, als wäre ich nicht mehr wirklich “in dieser Welt”. Am Rande meines Bewußtseins hörte ich mich selbst fragen, ob ich tatsächlich hier war oder ob ich träumte und mein Körper vielleicht zu Hause im Bett liegt…

Der Schlangenpfad führte schließlich hinab zur Quelle im Eibenhain. Ich begrüßte jeden Baum, indem ich meine Hand auf seinen Stamm legte und still in mich hinein horchte. Dann ging ich die steinernen Stufen hinab und sah ins Wasser. Vertrocknete Eibennadeln schwammen auf der Oberfläche und die Regentropfen bildeten Kreise, die sich ausweiteten. Ich sang den Refrain von Mordred´s Lulleby “hush child, the darkness will rise from the deep and carry you down into sleep…”. Frau Holle wurde an Brunnen und Quellen verehrt und nachdem ich Heide Göttner-Abendroth´s Vorstellung von Frau Holle als “Menschenfrau” endlich aus meinem Kopf verscheucht hatte (da ich ein Problem mit personifizierten Gottheiten habe und sie immer als Manifestationen der Natur betrachten möchte), sprach ich zu ihr als jener Hüterin der Seelen, tief unten in der Erde, im Stein, im Wasser. Das Gespräch ist Top Secret! 😉 Für den Bruchteil einer Sekunde schien einer der Ringe auf dem Wasser in hellem goldenen Licht zu strahlen – zu schnell war der Moment vorüber.

Es ging mir richtig gut, als ich schließlich meinen Weg durch den Wald fortsetzte. Ich fühlte eine Leichtigkeit im Herzen, von der ich nicht mal mehr wußte, wie sie sich anfühlt. Der Regen war wieder stärker geworden und als ich am Wildgehege ankam, hatte sich die Tiere untergestellt und auch das Blätterdach hielt das Wasser nicht länger zurück. Ich spannte den Schirm auf und folgte dem kleinen Bach, der sich gebildet hatte, bis ich aus der Ferne den Aussichtsturm sehen konnte, von dem aus es nicht mehr weit bis zum Parkplatz war. Ich wäre am liebsten im Wald geblieben, bei Erde und Wasser und Bäumen. Aber als ich ins Auto stieg und “Richtung Zivilisation” fuhr, da wußte ich wieder, was meine Berufung ist.

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