Zeit der Dunkelheit

AltarDie Zeit der Dunkelheit beginnt. Manchmal kündigt sie sich langsam an und manchmal mit einem lauten Knall. Letzteres war bei mir der Fall. Im Flur hängt ein großer Spiegel, umrahmt mit Messing, ein Erbstück. Eines Morgens gab es einen lauten Knall und ich stand senkrecht im Bett! Der Spiegel war von der Wand gefallen. Zum Glück waren meine Katzen nicht in der Nähe. Ich richtete den Spiegel wieder auf und stellte erleichtert fest, dass nichts zerbrochen war. Mein Kater lag den ganzen Vormittag davor und guckte wie hypnotisiert in den Spiegel 😉 Wie ich schon sagte, es ist ein Erbstück, also bin ich nicht besorgt.

Draußen fällt der Regen auf rot, gold und orange gefärbtes Laub. Man kann an manch kalten Abenden wieder den eigenen Atem vor sich in der Luft sehen. Ich besuche wieder öfter den Friedhof und ich höre ihre Stimme aus der Tiefe. Sie, die kein kein Gesicht trägt, deren Augen aus leeren Höhlen auf die Ewigkeit gerichtet sind. Meine Stiefel wirbeln buntes Laub auf, welches zwischen den Gräbern Teppiche bildet. Am Tage siehst du mich am Grab Arbeiten verrichten, alte Pflanzen entfernen, Herbst/Winter Deko arrangieren. Vielleicht siehst du Rauch aufsteigen, nimmst den Duft von Wacholder wahr. Wenn du die Zeit vergessen hast und bis in die Abenddämmerung dort warst, dann siehst du mich vielleicht als eine kurze Bewegung im Augenwinkel. Als Schatten zwischen den Grabsteinen oder du fühlst mich als Schauer, der dir über den Rücken läuft.

Abends bei einer Tasse Beifusstee bereite ich mich vor auf Nächte voller Klarträume. Und da ist sie, die Dunkelheit. Sie flüstert mit beruhigender Stimme, laß los…sie zeigt mir Bilder einer lang vergangenen Liebe, die ich loslassen musste, weil sie mir nicht bestimmt war. Sie zeigt mir meinen Freund, den ich nie kennengelernt hätte, wenn ich damals den anderen nicht losgelassen hätte. Sie zeigt mir mein jüngeres Ich, wie ich im Regen stehe und so geschockt bin, dass ich mich nicht von der Stelle bewegen kann. Das ist der Tod, es geht nicht ohne Schmerz. Diese Qualität hat auch die Ahnenzeit, neben all ihrer wilden Romantik. Etwas muss sterben, damit etwas Neues in unser Leben treten kann. Die Krux ist, wir erkennen erst hinterher, wie viel Gutes es bewirkt hat.

 

 

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