Botschafter des Landes

Drei Bussarde kreisen über mir, während ich an der Wegkreuzung im Wald stehe und lausche. Nur ihr hoher Pfiff durchbricht die Stille. Die alte Buche nimmt mein Geschenk nicht an, oder besser gesagt, meinen Versuch der Wiedergutmachung. Ich hatte mehr genommen, als ich letztendlich verwerten konnte und die Reste entsorgen müssen. Der kleine Citrin Kristall, den ich unter die Wurzeln geben will, prallt ab und rollt wieder vor meine Füsse. Behutsam lege ich ihn erneut unter die Wurzeln, weiss aber schon, dass er höchstens einen Zwerg glücklich machen wird 😉

Die Waldgeister sind mürrisch und lassen mich stolpern, knöcheltief einsacken und an dornigen Ästen hängenbleiben, wobei ich mir blutige Schrammen hole. Ich atme erleichtert auf, als ich den Wald hinter mir gelassen habe und schwöre innerlich, dass ich beim nächsten mal sehr genau darauf achten werde, wie viel ich wirklich benötige…es ist anders, wenn du dir zur Aufgabe gemacht hast (oder besser gesagt, SIE es zu deiner Aufgabe gemacht haben!), für das Land zu sprechen. Ja, ich bin eine Art Botschafterin des Landes und dazu gehört auch, die unsichtbaren Kräfte der Natur wahrzunehmen und ihren Willen kund zu tun. Ein fundiertes Kräuterwissen ist wertvoll, um den Menschen die Natur wieder näher zu bringen, aber Hagazussen Wissen ist etwas anderes. Man sitzt auf dem Zaun, halb hier, halb dort, halb lebendig und halb tot. Geister des Ortes, Geister der Ahnen. Vergessen bedeutet sterben. Setz deinen Fuss in die andere Welt und vergesse, wer du bist und woher du kamst und du wirst nie mehr zurück finden. Kiefer Friedhof

Der Wald grenzt an den Friedhof und eine tiefe Sehnsucht, gepaart mit einer Art Ur-Angst ergreift Besitz von mir. Nach den Erlebnissen im Wald ist man vielleicht auch hier nicht gut auf mich zu sprechen. Die Sehnsucht ist stärker als die Angst und schon die nächsten Schritte sind begleitet von einer leichten Trance. Die Sonne ist untergegangen, Zwielicht herrscht. Ich kann meine Beine nicht mehr spüren, bewege mich aber vorwärts. Ich sehe die bunten Fenster der kleinen Friedhofskapelle und dahinter ein rotes, flackerndes Licht. Dann kommt der Teil, für den es keine Worte gibt. Erst etwa 100m weiter bin ich wieder anwesend, und stehe vor der großen, alten Kiefer. Jemand hat einen Kreis aus herab gefallenen Zapfen um sie herum gelegt.

Mir ist ein bisschen schwindelig, aber auf angenehme Weise, wie ein Glückstaumel. Es ist schön dort drüben. Zum Glück ist es auch hier schön 😉 Am Grab meiner Oma mache ich halt, erzähle mit ihr, danke ihr für ihren Schutz und setze mich dann auf die Bank unter den alten Eichen. Wie ein Torbogen verbinden sich ihre Baumkronen über mir und genau durch ihre Mitte schimmert ein leuchtender Halbmond. Es ist Abend geworden und über mir kreisen wieder drei Bussarde. Halbmond Eichen

Einige Tage später hörte ich einen hohen Pfiff durch das geöffnete Schlafzimmerfenster. Ich schob den Vorhang beiseite und sah hinaus. Glaubt es oder nicht, dort draussen über den Dächern kreisten die drei Bussarde und jetzt verstehe ich, was sie mir sagen wollen 🙂

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