Sturz- und Wenderunen deuten

Auf alten Runensteinen sieht man manchmal sogenannte Sturz- oder Wenderunen. Dazu liest man viel und es wird gern pauschalisiert, deshalb möchte ich hier meine Ideen dazu vorstellen. Eine Wenderune ist eine Rune, die entgegen der Schreibrichtung gezeichnet wird. Sie ist quasi spiegelverkehrt. Da die Germanen kein Schriftvolk waren und man heute davon ausgehen kann, dass die Runen häufiger Verwendung in kultischen Zwecken fanden, denn als Schrift, war auch die Schreibrichtung nicht festgelegt. Eine Wenderune kann demnach in Texten auf Runensteinen bedeutungslos sein und lediglich als Buchstabe gewertet werden. Bei der Deutung kann das allerdings ganz anders aussehen.

Von einer Sturzrune ist die Rede, wenn die Rune auf dem Kopf steht. Gerade zu Algiz kursieren die wildesten Gerüchte – manche behaupten, auf dem Kopf stehend sei dies eine Todesrune. Ich versuche, zu verstehen, warum man darauf kam – Algiz aufrecht ist schließlich auch keine Lebensrune, sondern eine Verbindung zu den Göttern. Sollte die umgekehrte Rune demnach nicht viel eher als Verbindung zu den Ahnen interpretiert werden? Sie hat Bezüge zur Unterwelt und den Toten, aber sie deshalb reißerisch als Todesrune zu bezeichnen, scheint mir wenig sinnvoll.

Algiz als Sturzrune erinnert an die Wurzeln des Weltenbaumes, die in die Unterwelt Hel reichen.

Algiz als Sturzrune erinnert an die Wurzeln des Weltenbaumes, die in die Unterwelt Hel reichen.

Die aufrecht Algiz Rune erinnert an die Gebetsstellung mit ausgebreiteten Armen, die gen Himmel, gen Asgard gerichtet sind.

Die aufrecht Algiz Rune erinnert an die Gebetsstellung mit ausgebreiteten Armen, die gen Himmel, gen Asgard gerichtet sind.

Wenn ich mit den Runen arbeite, beziehe ich auch die Deutung von Wende- und Sturzrunen mit ein. Ich schaue mir an, ob besagte Rune sowohl als Wenderune und als Sturzrune kommen kann. Einige können das nämlich nicht. Isa bleibt immer Isa, Thurisatz kann nur als Wenderune, nicht aber als Sturzrunde kommen, Algiz kann zwar als Sturzrune, nicht aber als Wenderune fallen. Es gibt noch mehr Runenzeichen, auf die das zutrifft. Laguz wäre eine Rune, die sowohl als Wenderune, wie auch als Sturzrune kommen kann. Wenn eine Rune als Wenderune, nicht aber als Sturzrune auftaucht, dann deute ich sie meist als ihr dunkles Spiegelbild. Am Beispiel von Kenaz kann man das ganz gut erklären:

Kenaz aufrecht bedeutet Kiensparn oder auch Fackel. Kenaz ist der Funke, der unser inneres Feuer entfacht – unser kreatives Feuer. Kenaz braucht, wie das Feuer auch, eine Ausdrucksform – es muss etwas verzehren und sich im Außen manifestieren, kontrolliert und durch den Willen gelenkt. Kommt sie als Wenderune, deute ich sie als ihr dunkles Spiegelbild – sie ist immer noch Feuer, aber sie kann sich nicht im Außen manifestieren und sorgt in diesem Aspekt dafür, dass wir innerlich ausbrennen. Burnout zeigt sich oft durch die Wendeform von Kenaz, auch kreative Blockaden. Ein weiteres Beispiel für eine Wenderune, die keine Sturzrune sein kann, ist Thurisaz – die Dornenrune. Thursen sind die Riesen in der germanischen Mythologie und die wörtliche Übersetzung ist Verschlinger.

Thurisaz kann als Kraft der aktiven Verteidigung und Abgrenzung genutzt werden. Sie baut eine schützende Dornenhecke um dich herum, die undurchdringbar ist. Sie kann in Flüchen den Dorn ins Herz des Feindes treiben. Thurisaz muss auch immer durch den Willen kontrolliert werden, denn ihr obliegt leider auch die Macht der brutalen Zerstörung. Thurisaz wirkt „an der vordersten Front“ und ich nenne sie manchmal scherzhaft „Frontschwein“ 😉 Kommt sie als Wenderune, dann richtet sich die eigene Kraft gegen das eigene Ich. Talente, die nicht gefördert wurden, Ansichten, die niemand geteilt hat und unterdrückte, aufgestaute Wut sorgen jetzt für Autoimmunerkrankungen, psychosomatische Störungen und Autoaggression (Selbstverletztung).

Finde deine einstige Kraft, bevor sie dich verschlingt...

Finde deine einstige Kraft, bevor sie dich verschlingt…

Die Antworten liegen nicht im Außen. Der Weg führt ins Innere

Die Antworten liegen nicht im Außen. Der Weg führt ins Innere

 

Ein Beispiel für eine Sturzrune hatten wir weiter oben mit Algiz, ein weiteres Beispiel für eine Sturzrune ist Raidho. Raidho bedeutet Reise, Bewegung. Raidho auf dem Kopf bedeutet nicht, dass man jetzt zu Hause bleibt 😉 Es ist die Reise ins Innere, das abgrenzen von äußeren Umständen, Meinungen und Sichtweisen. Die innere Stimme will gehört, die inneren Welten erkundet werden. Raidhos Abgrenzung ist nicht so drastisch, wie die von Thurisaz, sondern instinktiv. Raidho braucht keine Willenskraft, sie fließt. Anders wirkt diese Rune, wenn sie als Wenderune erscheint, denn Raidho kann auch das. Die Bewegung, die vorher natürlich und instinktiv stattfand, muss jetzt bewusst gelenkt werden. Ein ganz banales, bildliches Beispiel für diese Kraft wäre ein schmerzender Arm.

Man hat diesen instinktiv bewegt, um ein Glas Wasser zu nehmen, zu schreiben, ohne groß drüber nachzudenken. Jetzt schmerzt der Arm und die Bewegung will sachte und kontrolliert ausgeführt werden. Die Raidho Wenderune spricht oft von Verletzungen in der Vergangenheit, wenn man zugelassen hat, dass die Kritik unserer Umwelt uns hat aufgeben lassen. Vielleicht hat man gern gemalt, und durfte sich immer den Spruch anhören, malen ist eine brotlose Kunst. Das Talent ist verschüttet, die Verbindung zur instinktiven Kraft verloren gegangen. Fangen wir später wieder damit an, müssen wir hart arbeiten, um das einstmals unerschöpfliche Potenzial wieder nutzen zu können. All das ist Raidho.

Das waren meine Gedanken und Erfahrungen mit den Sturz- und Wenderunen. 🙂

 

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5 Gedanken zu “Sturz- und Wenderunen deuten

  1. Ein guter Text, danke dafür.
    Zu Algiz:

    Vor einigen Jahren las ich auf einem Blog einer amerikanischen (oder war es kanadischen?) Weltenwanderin, dass sie eine Kombination aus Algiz stehend und Algiz auf dem Kopf als Weltenbaumsymbol nutzt, also Verbindung nach oben und unten zugleich.
    Ich habe damit eine Zeit lang experimentiert und kam zu ähnlichem Schluss, bis meine Geister mir für solche Zwecke ein eigenes Symbol gaben.

    • Für mich ist diese direkte Verbindung nach oben und unten Eiwaz, auch als Symbol für den Weltenbaum und alle Reiche. Wundervoll, dass du ein eigenes Symbol für dich empfangen durftest ☺

      • Ja, das auf jeden Fall, mit ein Grund warum ich Eiwaz auf der Mitte der Wirbelsäule tätowiert habe.
        Algiz gespiegelt fühlt sich dennoch nochmal anders an. Vielleicht „kopfiger“ und Eiwaz „körperlicher“, schwer zu erklären. Vielleicht wie der Unterschied zwischen Gebet und Ritual.
        Das Symbol welches ich damals bekommen habe, neben zwei weiteren, die zusammen „gehören“ sind seit dem mein Standartwerkzeug zum Reisen und für alle Arbeiten zwischen den Welten. Manchmal ist es auch so, dass ich sie zusammen mit Runen verwende, auch wenn ich normalerweise die Runen mit nichts anderem mische, weil die ja in sich doch sehr gut harmonieren und keine „fremden“ also dem Runensystem nicht zugehörigen Teile benötigen.

      • Auf der Mitte der Wirbelsäule – das stell ich mir schmerzhaft vor! Ich fand Handgelenk schon schlimm 😰 Aber eine sehr gute Stelle für diese Rune. Kann mir vorstellen, was du meinst, wenn du vom mischen der Runen mit fremden Systemen sprichst – aber die Verbindung der Zeichen mit den Runen, die du angedeutet hast, fällt sicher nicht darunter. Übel finde ich nur, wenn sie anfangen und Farben, Steine, am besten noch Sternzeichen zuzuordnen…irgendwann hört’s dann bei mir auf 😉

      • Die Stelle wurde mir in der Nacht vor dem Stechen, was spontan passierte, von meinen Ahnen gezeigt und ich bereue es keinen Tag.

        Ja, manche Sachen gehen wirklich zu weit, auch wenn ich manche der Gedankengänge dahinter durchaus verstehen kann, ist es dennoch unpassend und ziemlich unsinnig.
        Das beste ist meiner Meinung nach immernoch, die Rune selber zu erfahren, sei es durch bereisen oder intonieren und sehen.

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