Wassergeister, Meeresgötter und die Macht der Eiwaz Rune

Als ich heute früh aufgewachte, war es bereits zu hell im Schlafzimmer. Zu hell für die Zeit, in der mein Wecker klingeln sollte. Ein Blick auf die Uhr bestätigte das dann auch. Ich konnte mich nicht erinnern, den Wecker ausgeschaltet zu haben und erklärte mir die Sache damit, dass ich in der vergangenen Nacht ziemlich tief geschlafen haben musste 😉 Ich war lange wach gewesen, hatte mir einen Kräutertee mit Beifuss, Schafgarbe und Baldrian gekocht und noch ein Foto auf Instagram hochgeladen. Muscheln, Salzkristallampen und eine kleine Schatzkiste, die direkt von einem Piratenschiff hätte stammen können. Daneben die Eiwaz Rune, Symbol für die Eibe, den Baum des Lebens und des Todes. Teatime

Der Tee zeigte weit nach Mitternacht seine Wirkung und ich schlief tief und – soweit ich mich erinnere – traumlos. Die Gedanken an die Muscheln und damit verbunden das Meer, kamen mir erst heute früh. Eiwaz muss meine Erinnerung angestoßen haben. Als Rune, welche in die Mysterien von Leben und Tod einweiht, hat sie mich an meinen eigenen Beinahe Tod durch ertrinken erinnert. Ich war 4 Jahre alt, als meine Eltern mich mit auf eine Reise nach Italien nahmen. Wir besuchten Verwandte meiner Mutter, die in einem kleinen, hügeligen Dorf lebten und dort Hühner, Katzen und Hunde hatten. Für mich war das perfekt! Auf dem Hinflug hatte ich mehrmals versucht, den Notausgang im Flugzeug zu öffnen, weil ich mir absolut sicher war, dass ich auf den Wolken laufen kann 😉 Das sahen die Erwachsenen natürlich ganz anders…

Während unseres Aufenthaltes besuchten wir Pompei, die Stadt am Fuße des Vesuvs, die durch den Vulkanausbruch zerstört worden war. Ich war noch so klein, dass ich die hohen Bordsteine hochklettern musste. Ich sollte nicht in dieses oder jenes Haus gehen, weil meine Eltern mir den Anblick der Toten ersparen wollten, die durch die Asche bis heute erhalten geblieben sind. Natürlich habe ich einen Weg gefunden, sie trotzdem zu sehen. Es war erschreckend für mich und zugleich dachte ich, sie könnten jeden Moment wieder erwachen und aufstehen. Meine Mutter fuhr zurück ins Dorf, während mein Vater mich noch mit ins Schwimmbad nahm. Er drehte ein paar Runden im Pool und ich „durfte“ auf sein Portemanaie achten…leider gab es kein Kinderbecken dort und er wollte sich nur kurz abkühlen. Ich war hin-und hergerissen zwischen meiner Verantwortung und dem mir entgegen gebrachten Vertrauen und dem innigen Wunsch, einfach in den Pool zu springen! Leider kam mir mein Vater zuvor, er kannte mich wohl zu gut.

Eine andere Erinnerung führt mich zurück an den Strand. Meine Mutter schwamm ein wenig weiter hinaus aufs Meer, während ich die Gelegenheit nutzte, ihr unbemerkt ins Wasser zu folgen. Mein kleiner Cousin war gerade mit dem ganzen Baggie umgekippt, so dass die am Strand verbliebenen Erwachsenen gut beschäftigt waren. So, wie ich überzeugt war, dass ich auf den Wolken laufen konnte, glaubte ich auch fest daran, unter Wasser atmen zu können! Das salzige Meerwasser stand mir mittlerweile bis zum Kinn und der nächste Schritt … ging ins Leere. Ich war unter Wasser, öffnete meine Augen und sah mich ganz in Ruhe um. Ich hatte ein wenig Angst, aber die verflog angesichts all der Wunder am Meeresgrund. Sonnenlicht tanzte dort auf dem sandigen Boden, Muscheln und Steine waren da und diese Stille…jetzt war es an der Zeit, das „unter Wasser atmen“ auszuprobieren…

Mein Vater hatte mich gepackt und zurück an den Strand getragen. Er hatte mich „ihnen“ enrissen. Alles tat weh, aber vor allem die Lunge. Ich wollte nicht hier am Strand liegen, mit diesen Schmerzen im Brustkorb, dem Lärm und der Aussicht auf ziemlich viel Ärger. Ich wollte zurück ins Wasser. Aber für mich war der Strandausflug für lange Zeit beendet. Damals war dort im Meer etwas, dass keine Gestalt besass und doch war es da, ganz real. Ich sah es später, als ich in einem erloschenen Vulkan geschwommen bin, unter mir 35m Tiefe, vollkommene Dunkelheit. Ich habe Angst vor dunklem Wasser, wenn ich nicht sehe, was unter mir ist. Also halte ich die Luft an und tauche…ich sah es im Badewasser, als meine Oma ihre Haare wusch und ich bekam Panik, immer wenn ich langes Haar im Wasser treiben sah. Ich glaube an die alten Mythen von Wassergeistern und Meeresgöttern, die Menschen zu sich in die Tiefe locken, um sie nie wieder fortzulassen. Ich kann ihnen nicht böse sein, auch nicht, als sie zwei weitere mal versuchten, mich bei sich zu behalten. Ich lernte ziemlich gut zu schwimmen.OrsoyRhein

Wann immer ich irgendwo geschwommen bin, habe ich die Ruhe und den Frieden am Grund genossen. Die Schwerelosigkeit und das Lichtspiel.Ja, die Eiwaz Rune hat etwas angestoßen. Bald fahre ich wieder ans Meer. Atemlos angesichts der gewaltigen Wassermassen, der Tiefe und der Verbindung zwischen Wasser und Gefühlswelt hoffe ich dort auf Inspiration für neue Projekte. Die Grenze zwischen Wasser und Land, die Grenze zwischen Leben und Tod – das ist der Ort, an den es mich immer wieder zieht.

“The psychotic drowns in the same waters in which the mystic swims with delight.” Joseph Campbell

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6 Gedanken zu “Wassergeister, Meeresgötter und die Macht der Eiwaz Rune

  1. Meere, Flüsse, Seen – üben Faszination ebenso aus wie ein unheimliches Gefühl. Dem begegne ich mit grossem Respekt,, wohl wissend um dessen riesengrosse Macht. Du hast deine Erlebnisse sehr packend beschrieben, mir blieb glatt die Luft weg! Wow!
    Wald- und Wiesengrüsse sende ich dir!

  2. Wie gut ich das alles nachvollziehen kann.
    Ich war noch keine 3 Jahre, erinnere mich aber daran, als wäre es erst gestern und nicht über 30 Jahre her, dass ich in Spanien in einem Pool fast ertrunken wäre.
    Wasser, besonders wildes, weites, tiefes oder dunkles zieht mich seit je her an und als ich mich letzte Woche vom Meer verabschieden musste, weil es wieder nach Hause ging, lief mir eine Träne über das Gesicht.
    ich wünsche dir dass du am Meer findest (oder es dich 😉 ) was du suchst

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