Die Hexenpflanzen und ihre Verwendung in Flugsalben

Ich habe seit ich denken kann, einen Hang zu Giftpflanzen. Sie rufen, sie locken und sie verführen. Auf meinem Balkon wachsen Bilsenkaut, Alraune und Tollkirsche, alle in sicherer Entfernung zum Boden, damit neugierige Katzen nicht rankommen. Ich finde schwarzen und bittersüßen Nachtschitten draußen am Ufer eines klaren Bachs oder auch schon mal als Ausreißer direkt neben meiner Garage oder stoße auf Stechapfel, der sich, getrau seiner Vorliebe nach stickstoffreichem Boden auf einem Grab angesiedelt hat (man sagt, man solle eine Leiche unter ihm begraben). Das Interesse bestand immer, aber erst ein Erlebnis mit einer Eibe und ihren fleischigen roten Beere, ihrem klebrigen durchsichtigen Saft und ihren dunkelgrünen Nadeln brachte mich dazu, mich wirklich auf diesen Pfad einzulassen.

Seitdem muss ich kaum noch suchen, die Pflanzen finden mich. Ermutigt durch andere Praktizierende, die sich auf die Herstellung von Flugsalben nach Anleitung aus alten Grimoires spezialisiert haben, tastete ich mich ebenso vorsichtig heran. Alles begann mit einer homöopatischen Dosierung von frei verkäuflichem Bilsenkrautöl aus der Apotheke, führte weiter zum Anbau der Pflanzen und der Lektüre vieler Bücher zum Thema, „Zufallsbekanntschaften“ mit Apothekern und Heilpraktikern und endete schließlich in den ersten Tests mit den Pflanzen, die sich bei mir wohl gefühlt haben. Es ist ein gutes Indiz dafür, ob man mit einer Pflanze kann oder nicht, wenn sie gut wächst und gedeiht. Es scheint sich auch zu bestätigen, dass Pflanzen, für die man selbst sorgt, weniger dazu neigen, mit deiner Seele zu entschwinden, wenn sie merken, dass du reinen Herzens und Willens bist, ihnen zu vertrauen.

Aber es gibt Ausnahmen. Giftpflanzen sind manches mal wie eine launische Diva. Umso wichtiger ist es, sie sehr gut kennenzulernen. Was die Flugsalbe angeht, soll noch gesagt werden, dass man Dosierungen, die Halluzinationen hervorrufen, möglichst vermeidet. Der Grad zwischen Halluzinationen als Symptom einer ernsthaften Vergiftung und einem qualvollen Tod ist sehr schmal. Niemand, der im Internet oder sonstwo Flugsalben verkauft, geht das Risiko ein, dass seine Käufer sterben und folglich sind die Bestandteile zwar enthalten, aber in so geringer Dosierung, dass ein „High-werden“ ausgeschlossen ist. Von daher muss man sich über die eigene Erwartungshaltung im klaren sein, wenn man mit einer Bestellung liebäugelt. Nur, wenn man Willens und in der Lage ist, durch die eigenen Fähigkeiten Kontakt zu den Pflanzengeistern aufzunehmen, wird das Überschreiten der Hecke ein Erfolg. Wer sich abschießen will, wird enttäuscht.

Auch bei weniger hoch dosierten Salben konnte ich feststellen, dass der Körper reagiert, sofern man es übertreibt, nämlich mit geschwollen Lymphknoten und Reizhusten, vor allem bei Bilsenkraut.

Die Sache mit der Dosierung

Wenn man mit dem reinen Pflanzenmaterial arbeitet, und nicht auf Synthetiks oder Auszüge aus einem Labor zurückgreift, hängt die Dosierung von vielen Faktoren ab. Körpergröße und Gewicht, Erntezeitpunkt, Pflanzenteile, Boden, etc. xyGramm Pflanzenmaterial ist nicht xyGramm Pflanzenmaterial. Es besteht immer ein Risiko, aber durch die äußere Anwendung ist dieses Risiko geringer, als bei der oralen Aufnahme und meist besteht die größte Gefahr in einer lokalen allergischen Reaktion.

Das alles klang jetzt nicht besonders magisch, aber hier verhält es sich so, dass Kopf und Herz zusammen arbeiten müssen. Der Kopf, der die Vorarbeit leistet, sorgt für den sicheren Rahmen, in welchem später die magische Arbeit verrichtet werden kann. Auch, wenn der Kopf sehr fleissig war, heißt es im Ritual „loslassen“, „Kontrolle abgeben“, „Hingabe“. Die Pflanzen unterstützen die Fähigkeiten, über die wir bereits verfügen und verstärken diese. Ein anderes mal öffnen sie eine Tür, die zuvor nicht da gewesen zu sein schien.

In Ungnade gefallen

Wenn man sich mit der Materie beschäftigt, ist man schnell abgeschreckt. Alles und Jeder warnt uns davor, bloss die Finger davon zu lassen. Es braucht schon eine stoische Entschlossenheit oder einen sehr starken Ruf, um diese Meinungen hinter sich zu lassen und selbst die ersten, zaghaften Schritte zu gehen. Man lernt nichts durch andere. Man lernt eine Sache nur kennen, wenn man seine eigenen Erfahrungen macht, das ist mit allem im Leben so. Selbstverantwortung bedeutet, weiter zu gehen, als manch anderer und wenn etwas in uns immer wieder unsere Aufmerksamkeit sucht, dann hat das einen Grund. Egal, in welchem Bereich deines Lebens – die Pionierarbeit ist immer die, welche man „trotzdem“ erledigt. In diesem Sinne – guten Flug 😉

Flugsalben

Wer hat nicht schon von den geheimnisvollen Flugsalben gehört, mit deren Hilfe die Hexen zum Blocksberg fliegen konnten, um ihre verbotenen Rituale abzuhalten? Es ist noch nicht 100%ig geklärt, ob diese Salben wirklich von damaligen Hexen benutzt worden sind, wobei man in alten Grimoires des öfteren auf das ein oder andere Rezept stößt, so z.B. in Giambattista della Porta´s im Jahre 1558 erschienen Werk „Natürliche Magie“.

Doch die Belege für die Nutzung von Flugsalben gehen weit zurück in die vorschristliche Zeit und findet sich in antiken römischen und griechischen Schriften wie etwas bei Homer 800 vor Christus und Lucius Apoleius 160 vor Christus. Und noch weiter zurück, ca. 10.000 Tausend Jahre …Reste von Atropa Belladonna, Bilsenkraut und Wermut fanden sich an alten Kultplätzen vorwiegend in Form von Samen, so dass die Vermutung nahe liegt, dass bereits im Neolithzeitalter die Wirkung dieser psychoaktiven Pflanzen bekannt war, auch wenn man nicht nachweisen kann, dass diese in Salben Verwendung fanden.

Man warf später den Hexen des Mittelalters vor, sie würden Kräuter im Fett getöteter Kinder ansetzen, doch genutzt wurde mit größerer Wahrscheinlichkeit Tierfett von Schweinen und Bienenwachs.

Die Kräuter der Hexen

Die meisten Flugsalben enthalten Kräuter aus der Familie der Nachtschattengewächse, wie Atropa Belladonna, Stechapfel, Bilsenkraut und Mandragora. Nachtschattengewächse enthalten die Tropan-Alkaloide Atropin, Hyoszynamin und Scopolamin und können oral angewandt u.a. zu Erblindung und Herzstillstand führen. Die äußere Anwendung, z.B. als Salbe, ist weniger gefährlich und stellt den Aspekt des Halluzinogens in den Vordergrund.

Moderne Flugsalben

In Esoterikshops findet man öfter mal eine Flugsalbe, die aber mit der echten rein gar nichts zu tun hat. Die traditionellen Giftpflanzen fehlen natürlich völlig, weil diese zumeist verschreibungspflichtig sind und oftmals allein der Besitz strafbar ist (geschweige denn jemand die Verantwortung für die Anwendung übernehmen würde).

Eine echte Flugsalbe kann hingegen ein Schlüssel zu den Toren der Anderswelt sein und die Barrieren unserer Wahrnehmung aufheben. Nicht umsonst spricht man von bewußtseinserweiternden und psychoaktiven Pflanzen. Die Gefahr der Flucht aus der Wirklichkeit (welcher?) ist definitiv gegeben und die Risiken im Umgang mit Giftpflanzen liegen auf der Hand. Und dennoch – durch die Jahrtausende hindurch fanden diese Pflanzen Verwendung in Magie und Ritual und somit sind sie ein Teil der Geschichte der Hexen…